HARALD WEILER REGISSEUR

Die Ratte

von Justine del Corte

Theater Kontraste im Winterhuder Fährhaus
Premiere: 17.11.2009
Regie: Harald Weiler
Ausstattung: Julia Borchert
Besetzung
  • Meike Harten (Maria)
  • Theresa Berlage (Isabell)
  • Markus Frank (Richard)
  • Herbert Schöberl (Nick)
  • Harun Yildirim (Kammerjäger)

Hamburger Abendblatt, 19.11.2009

Zickenalarm allererster Güte

Der Gott des Gemetzels, den Yasmina Reza in ihrer so bösen wie intelligenten Boulevardkomödie gleichen Namens beschworen hat, herrscht nun auch in Winterhude: "Die Ratte" von Justine del Corte (im vergangenen Jahr in Zürich uraufgeführt von ihrem Ehemann Roland Schimmelpfennig) ist ein ähnlich kerniger Schlagabtausch zwischen zwei Paaren, ein Fest der Neurosen, genährt noch durch den Umstand, dass die beiden Frauen Schwestern sind. "Die eine ist wahnsinnig, die andere ist verrückt", sie sind sich in inniger Feindschaft verbunden.

Regisseur Harald Weiler macht daraus in der kleinen, feinen Kontraste-Reihe am Winterhuder Fährhaus einen Zickenalarm allererster Güte: Die hochschwangere und entsprechend überdrehte Isabell (Theresa Berlage) besucht mit ihrem Schriftsteller-Mann Richard (sehr lustig: Markus Frank als Roland-Schimmelpfennig-Wiedergänger) ihre Schwester Maria in New York.

Die wird von Meike Harten brillant verkniffen gespielt, ihr Mann Nick (Herbert Schöberl) ist neben ihr die fleischgewordene Schweizer Neutralität. Mit ihrer weißen Kulisse voller Türen und Schubladen signalisiert und parodiert Bühnenbildnerin Heidrun Schüler das Genre gleichermaßen: Wo Türen klappen, da ist auch der gehobene Boulevard zu Hause.

Befeuert wird das Ganze durch die nervtötenden Anrufe der daheimgebliebenen Mutter, Isabells offensive Fruchtbarkeit, die emotionale Hilflosigkeit der beiden Männer und die angespannte Verkrampftheit der Gastgeberin (deren offenbar ähnlich verkorkste Haustiere mit den bezeichnenden Namen ödipus, Iokaste, Ismene und Antigone in einer Bratwachtel-Bestattung enden). Schnell wird deutlich: Die Titel-Ratte ist hier keineswegs die schlimmste Plage. Die Schwestern und ihre zunehmend überforderten Gatten neiden und sticheln, lästern und lügen, verletzen und kotzen sich aus - in jeder Hinsicht.

Es ist ein göttliches (Wort-)Gemetzel mit reichlich Lust an der Hysterie, das sich die beiden Paare in wechselnden Allianzen und ergänzt um einen knackigen Kammerjäger (Harun Yildirim) hier liefern. Fabelhaft besetzt, flott und (selbst-)ironisch präsentiert. Ein Ausflug auf diesen bösen Boulevard ist eigentlich ein Muss zur sippenseligen Weihnacht.

Welt Online, 21.11.2009

Ein höllisches Vergnügen

(…) Wir amüsieren uns köstlich, zumal Regisseur Harald Weiler nie überdreht, weder im Tempo noch in der Lautstärke. Die verbalen Biestigkeiten werden punktgenau geträufelt. Wenn dann endlich der gutmütige, beruflich erfolglose schweizerische Lebensgefährte von Maria, Nick (Herbert Schöberl) - ein Sitzpinkler übrigens -, ausrastet, dann haut das rein. Und Maria, die überall Ungemach witternde, jede äußerung auf die Goldwaage legende und zum Negativen verkehrende paranoide Machtbesessene, kuscht. Maike Harten ist großartig mit ihrem Basiliskenblick, ihrer schweigenden, verletzenden Verachtung und ihrem verzweifelten Ingrimm beim Herunterwürgen der selbst gezogenen Wachteln. Sexy Isabell, hochschwanger und ebenfalls neurotisch, schnäbelt dagegen mit ihrem sehr erfolgreichen Schriftstellermann Richard. Dass der mit seiner schwarzumrandeten Brille aussieht wie der (sehr erfolgreiche) Dramatiker Roland Schimmelpfennig, der Lebensgefährte von Justine del Corte, ist gewiss nicht zufällig. Kleinigkeiten, die diese in ihrer Spannung genau austarierte Inszenierung nie dem Klischee eines ausschließlich auf Pointen setzenden Boulevards ausliefert. Mehr noch, sie schafft es, die als Variationen komponierten Situationen mit höllischem Vergnügen zu umspielen.(…)Der Zoff beginnt und damit eine überaus gelungene Inszenierung, die niemand versäumen sollte.